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LOST IN SIBIRIEN

Gallery / Story

Schon zum zweiten Mal haben wir uns auf die Reise in ein Land begeben, das ganz anders ist als die meisten Länder in Europa. Ein zerbrochenes, korruptes und gleichzeitig wunderschönes Land haben wir am eigenen Leib kennengelernt. Wo die Menschen mit dem Alkohol kämpfen, Deutsche mit einem freundlichen „Sieg Heil“ begrüßt und allgemein andere Formen gepflegt werden, als wir Mitteleuropäer es gewöhnt sind. Pics: Phillip Görs / Text: Hans F.


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Nach einer über 24 Stunden langen Reise befinden wir uns auf der Landstraße, in Richtung Tobolsk in Sibirien. Unser russischer Fahrer lächelt mich mit Goldzähnen und einer gefälschten Ray-Ban-Sonnenbrille vor den Augen an, während er telefoniert und den klapprigen LKW vor uns auf der Gegenspur überholt. Er sieht ein bisschen aus wie ein Zuhälter, und wahrscheinlich ist er nebenberuflich auch einer. Mir ist übel von seinem Fahrstil, von der geschundenen Straße unter uns und weil ich fast 40 Stunden nicht geschlafen habe. Alle paar Minuten nicke ich ein.>>>

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Wenn ich erwache, erblicke ich eine schnurgerade Straße und Wälder, soweit meine Augen sehen können. Nach einem der vielen todesmutigen Überholmanöver beginne ich zu zweifeln. Was hat mich geritten an dieser Reise ins tiefste Russland teilzunehmen? Klar, es war diese Lust etwas anderes zu sehen, zu schmecken und zu erleben, als man es in unserer westlichen Welt vorgesetzt bekommt. Eine Reise nach Sibirien! Das hört sich nach Abenteuer, Gefahr und nach unvergesslichen Momenten an. Hinzu kam der Gedanke, hier etwas in meinen Augen Gutes zu leisten. Nämlich innerhalb von 14 Tagen, in Form eines Workshops, einen Skatepark für die lokale Scene zu bauen. Eine Aufgabe, die man hier im Nirgendwo und dazu noch in Russland nicht unterschätzen sollte.>>>

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Nach fast zehn Stunden rasanter Autofahrt sind wir endlich da. Ich erblicke eine abgewetzte Kleinstadt, die fast nur aus Plattenbauten besteht. Egal wohin man schaut, nur graue, bröckelnde Fassade, vom harten Winter ausgewaschene Farbe und schäbiges altes Grau. Tobolsk ist eine so genannte Monostadt: eine Arbeitersiedlung für die Metallschmelzen hinter dem Ural, eine Insel der Plattenbauzivilisation mitten im Nichts.

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Unsere Unterkunft ist ein Kampfsport-Trainingsraum, mit Sandsäcken, riesigen Spiegeln und stickiger Luft, im Keller eines so genanten Jugendzentrums. Wir alle sind nicht sehr begeistert, und als wir feststellen, dass wir nur auf ein paar Matten – unter zwei Fahnen mit den Antlitzen Medwedjews und Putins – schlafen sollen, ist die Laune am Tiefpunkt. Aber keiner hat noch die Energie sich aufzuregen. Außerdem wollen wir unseren Gastgebern gegenüber nicht unhöflich sein, nicht die verwöhnten Deutschen mimen. Als Nächstes besichtigen wir den Platz, wo wir den Skatepark bauen sollen. Er befindet sich nur 100 Meter entfernt von unserem Keller, und hätten wir Fenster, würden wir genau auf die Fläche schauen. Diese ist neu geteert, sie strahlt im Gegensatz zu den Plattenbauten, von denen sie eingerahmt wird. Etwas weiter befinden sich zwei Kioske, die von ein paar stark tätowierten, Bier trinkenden Männern belagert werden.

„Ja, wir sind hier im Ghetto einer Kleinstadt gelandet, wo sich fast kein Tourist hin verirrt….“

Später werden wir diese Herren unfreiwillig enger kennenlernen und erfahren, dass sie alle schon eine Weile im Knast gesessen haben und teilweise Hakenkreuze auf ihrer Haut tragen. Deutlich angenehmer schauen die Locals aus, mit denen wir den Skatepark bauen werden. Sie sind etwas aufgekratzt und freuen sich über unseren Besuch. Wir schütteln Hände, tauschen ein paar Brocken Englisch und lernen Jocha, Katja und Anuschka kennen, mit denen wir noch viel Zeit verbringen werden. Aber so ähnlich wir den Jugendlichen auch sind, wir fallen trotzdem auf mit unseren bunten Klamotten und engen Hosen. Im Supermarkt und auf der Straße, so ziemlich jeder schaut uns an, aber irgendwie nicht freundlich, eher werden wir mit verachtenden Blicken beobachtet. Kein Lächeln begrüßt uns, sondern fast nur düstere Gesichter. Ja, wir sind hier im Ghetto einer Kleinstadt gelandet, wo sich fast kein Tourist hin verirrt und wo wir, auf den ersten Blick, nicht willkommen sind.>>>

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Es ist Morgen, und obwohl ich total übernächtigt war, habe ich nur ein paar Stunden geschlafen, in unserem muffigen Keller. Die anderen sind auch wach und ich erfahre, dass heute kein Holz mehr geliefert wird, obwohl es mit der russischen Verwaltung besprochen war. Das ist typisch für Russland! Absprachen werden fast prinzipiell nicht eingehalten, und egal worum es geht, man muss dreimal nachfragen, damit es klappt.>>>

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Als ich in Badelatschen und Shorts die Dusche betrete, schlägt mir ein beißender Geruch entgegen. Das Wasser steht fünf Zentimeter hoch, kleine braune und gelbe Wölkchen befinden sich darin. Mit leichtem Brechreiz verlasse ich die Dusche. Der Abfluss ist verstopft, weil wir nach dem großen Geschäft das Klopapier in die Toilette geworfen haben und nicht wie hier üblich in die triefende Tonne neben dem Klo. Die fette Putze wirbelt mit ihren kurzen Armen und regt sich auf, dass wir die Vorschriften nicht beachten. Aber wie sollen wir die Vorschriften beachten, wenn wir sie nicht lesen können. Alles ist hier auf Russisch, sogar die Schilder auf den Flughäfen, und die wenigsten Russen sprechen eine zweite Sprache. Russland macht es Ausländern nicht leicht sich zurechtzufinden, und wird man von einem Russen angesprochen, ist es ihm egal, ob man seine Sprache spricht oder nicht, man wird einfach vollgelabert. Es wirkt fast so, als ob es für die Russen unvorstellbar wäre, dass Menschen, die eine andere Sprache sprechen, dieses riesige Land besuchen.>>>

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Okay, also wird heute nicht geduscht. Ich schnappe mir meine Kamera und gehe hinaus um ein paar Impressionen einzufangen. Schlaftrunken schlendere ich durch ein verfallenes Viertel. Ich entdecke einen großen, aus bunten Bretterbuden zusammengewürfelten Markt. Er ist riesig, ein bisschen dreckig, und überall wuseln Menschen durch die Gänge. Es gibt gefälschte Puma- und Adidas-Trainingsanzüge, unzählige Fischstände mit alten, vom kalten Wetter gezeichneten Frauen dahinter und Unmengen frisches Obst. Natürlich erkennt jeder sofort, dass ich Ausländer bin. Jeder zweite Händler spricht mich (natürlich auf Russisch) an und will, dass ich ein Foto von ihm mache. Manche bemerken, dass ich Deutscher bin, dann kommt meist ein „Ahhh, Nazi“, oder sie heben den Arm und sagen mit zahnlosem Lächeln „Sieg Heil“ für die Kamera. Ich erwidere das Lächeln, erkläre, dass ich nichts verstehe, und gehe weiter zum nächsten Stand, wo das Spiel von vorn beginnt. Tief im Inneren des Marktes pfeift mich ein alter, dicker Fischhändler ran, er will, dass ich ihn und seinen von Fliegen belebten Fisch filme. Währenddessen kommen zwei junge, bullige Herren auf mich zu. Natürlich wollen auch sie gefilmt werden, ein dritter, etwas schäbiger, schmächtigerer tritt von der Seite an mich heran und sagt immerzu „Fuck you, Nazi, fuck you“ zu mir.

„Fuck you, Nazi, fuck you…“

Mir werden die Knie weich, ich schalte die Kamera aus, und schon stehen die drei mit aufgespanntem Kreuz direkt vor mir. Der Schmächtige greift nach der Kamera, ich halte sie zum Glück gut fest und winde mich, ziemlich energisch, zwischen den beiden Bullen aus dieser brenzligen Situation. Ein paar Meter verfolgen sie mich noch, mein Herz rast und ich beschließe, nicht mehr allein auf diesen Markt zu gehen. Ein paar Tage später erlebte ich eine ganz ähnliche Situation wie auf dem Markt. Ein riesiger Herr wollte Geld von mir haben, weil ich angeblich auf seinem Platz gefilmt habe. Der Platz war eine Bushaltestelle, und als ich ihm kein Geld geben wollte, hat er sich direkt vor mich gestellt, mich laut einen Nazi genannt und weiter Bares gefordert.>>>

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„Nazi“, das hat noch nie jemand zu mir gesagt – ich dachte immer, dieser Begriff gehöre nicht zu mir. Hier in Russland ist das anders, die Wunden aus dem Zweiten Weltkrieg sind lange nicht verheilt und die Menschen verbinden mit uns jungen Deutschen automatisch die dunkle Seite unserer Geschichte. Ein paar Tage später habe ich zwei russische Mädchen kennengelernt, die Deutsch studieren. Sie haben mir erzählt, dass sie auf offener Straße nur wegen ihres Studiums schon als Nazi-Huren beschimpft wurden.>>>

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Wieder am Platz, erfahre ich, dass wir gleich eine Stadtrundfahrt mit einer kleinen Führung machen. Also steigen wir in unseren Bus, eine Fremdenführerin – die (wie sollte es anders sein) nur Russisch spricht – steigt zu und es geht los. So schunkeln wir zuerst kreuz und quer durch unser Viertel, bis wir auf die Prachtstraße von Tobolsk treffen. Hier zeigen sich wieder diese krassen Gegensätze Russlands. Eben noch befindest du dich in einer Gegend, wo du nachts nicht auf die Straße gehen würdest, und im nächsten Moment erschließt sich deinem Auge eine Allee, die herausgeputzt ist wie die wenigsten Straßen in München. Ich sehe: Blumenkästen strotzend vor unzähligen Stiefmütterchen, überall Marmor und Gehwege, von denen man essen könnte. Wir passieren das einzige Hotel der Stadt, das natürlich ein Fünf-Sterne-Hotel ist, und erfahren dank unserer Dolmetscherin Kati, dass Tobolsk seit dem Besuch Putins 2003 einen regelrechten Aufschwung erlebt. Weil Putin sich nach Aussage der blonden, mit leuchtenden Goldzähnen und Ohrringen bewehrten Fremdenführerin in Tobolsk verliebt hat. Später besichtigen wir noch die nicht minder herausgeputzte Basilika von Tobolsk und fahren durch die heruntergekommene Altstadt, wo wir aber lieber nicht aussteigen sollen, weil es zu gefährlich für uns sei.>>>

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Es ist wieder Morgen, gerade fegt die Putzfrau den Boden neben meinem Bett und lächelt mich an. Ihr Lächeln ist kein schöner Anblick, neben ein paar Goldzähnen klaffen Lücken, und ein paar Stümpfe springen mir ebenfalls entgegen. Mal wieder wird mir ein bisschen schlecht und ich muss daran denken, was für Gebisse ich hier schon gesehen habe. Im Ernst, hier gibt es alle Ausführungen: von nur oben Goldzähne über ein paar Goldzähne und ansonsten nichts bis zu komplett Gold habe ich hier schon alles gesehen. Die Erklärung dafür ist eigentlich ganz einfach, hier gibt es keine Krankenversicherung, und Keramikfüllungen oder -zähne sind teuer. Deswegen gibt es die Möglichkeit, einfach mit ein paar Ringen zum Zahnarzt zu gehen. Dieser schmelzt dann das Familiengold ein und macht ein paar Zähne daraus. Ihr müsst euch das reinhauen: Wir haben sogar einen Typen kennengelernt, der seinen Ehering hat einschmelzen lassen und ihn nun als Frontzahn spazieren trägt. Das ist so abgefahren…>>>

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Bevor ich unseren Keller verlasse, checke ich noch kurz die Dusche ab und entdecke einen Typ, der mit einem langen Gestänge am Abfluss rumwirkt, grinsend will er mir die Hand geben. Natürlich drehe ich mich schnell um und steige die Treppen zur Außenwelt hinauf. Draußen regnet es, und ich entdecke, dass ein Teil vom Holz endlich angekommen ist. Der Laster mit dem Holz ist hoffnungslos überladen, und an seinem Tank hängt eine Gasmaske mit Reichsadler und Hakenkreuz aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Tobolsker Jungen haben schon angefangen das Holz abzuladen. Der Kran zum Abladen macht einen guten Eindruck, nur haben die Stahlseile, an denen die Ladung hängt, schon bessere Zeiten erlebt. Sie sind porös und an ein paar Stellen springen die Drähte auf. Die deutsche Seite beobachtet das Ganze lieber von Weitem, und man kann von Glück reden, dass bei dieser Aktion niemand unter dem ganzen Holz begraben wurde. Schlussendlich haben wir vier wilde Holzhaufen, in denen Kanthölzer, Bohlen und Schalung wie überdimensionierte Mikadostäbe übereinander liegen. Natürlich geht uns das gegen unseren deutschen Ordnungssinn und wir fangen an, das gesamte Holz ordentlich zu trennen und zu stapeln. Nach zwei Stunden haben wir Kanthölzer, Schalung und Bohlen voneinander getrennt. Die Locals machen Scherze über den noch übrigen, wild durcheinandergewürfelten „russischen Haufen“ Wir warten noch, bis der Regen aufhört, und fangen sofort mit dem Bauen an. Mark König und Patrick Rohn sind die Bauleiter und stellen die ersten Gerüste her. Die Anderen stellen die Gerüste auf und wir erklären den Locals, mit Händen und Füßen, wie man die Schalung auf die Gerüste schraubt. Es ist laut, die Kettensäge läuft ohne Pause, zwischen uns brausen ständig kleine Kinder auf Inlinern herum, und am Rand stehen viele Schaulustige, die das bunte Treiben beobachten. Am Abend ist eine Seite des Parks mit Schalung fertig. Besonders auf russischer Seite ist man erstaunt über die effiziente Arbeitsweise, die wir an den Tag legen. Ein paar Leute von der russischen Verwaltung finden sich ein, sie schütteln Hände, klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, kommen aber nicht auf die Idee, uns mal Hallo zu sagen oder zu fragen, wie es uns geht.

„Der Laster mit dem Holz ist hoffnungslos überladen….“

Später in der Nacht trinken wir noch ein paar Bierchen auf dem Platz. Wir lernen Anton aus Rendsburg kennen, er ist Deutschrusse und macht gerade mit seiner Familie bei der Oma in Tobolsk Urlaub. Er dolmetscht für seine Freunde, und diese haben viele, für uns teilweise eigenartige Fragen. Zum Beispiel, wie lange wir bei der Armee waren und wie stark wir die Schlagkraft der deutschen Streitkräfte im Vergleich mit den russischen einschätzen. Als wir erklären, dass wir alle Zivildienst gemacht haben und es uns egal ist, wie stark Deutschlands Militär ist, ernten wie ungläubige Blicke. Die ersten Wodkaflaschen gehen herum, und als wir alle schon gut angeheitert sind, stellen wir fest, dass Anton und seine Freunde weg sind und wir fast nur von Männern umringt sind, die wir nicht kennen. Es sind die beschriebenen Herren vom Imbiss. Die glatzköpfigen Kerle freuen sich über den „deutschen Besuch“. Hier und da gibt es mal wieder ein „Sieg Heil“ oder „Bravo Deutschland“, und wir versuchen höflich zu bleiben. In einem Moment, in dem sie mit sich beschäftigt sind, verschwinden wir schnell in unsere Bleibe.>>>

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In den kommenden Tagen sind wir eigentlich nur mit Bauen beschäftigt. Wir stehen früh auf, ackern 12 bis 14 Stunden und betrachten, wenn die Sonne untergeht, unser Tagewerk. Unsere Freunde vom Imbiss schauen regelmäßig vorbei und rufen „Hallo Deutschland“ über den Platz oder wollen einem die Hand reichen, während man gerade die Kettensäge durch ein Kantholz jagt. Die Jungs sind wirklich unangenehm und meist angetrunken oder auf irgendeiner anderen Droge. Ein kleinerer, stark tätowierter Bursche, in Jogginghose und ausgebleichtem T-Shirt mit der Aufschrift „Russia“, wurde gerade aus dem Knast entlassen und teilt uns zahnlos lächelnd, mit glasigen Augen mit, dass er sich gerade einen Schuss gesetzt hat. (Über 70 Tonnen afghanisches Heroin sollen nach einem Drogenbericht der UN jährlich nach Russland geschmuggelt werden. Die Zahl russischer Süchtiger ist enorm hoch, bis zu 30.000 Drogentote pro Jahr sind die Folge.) Als die Leitung des Jugendkomitees mitbekommt, dass wir fast täglich von diesen Gestalten belagert werden, wird kurzerhand die Polizei informiert. Ab diesem Tag stehen immer zwei Polizisten am Platz und bewachen uns. Aber ganz ehrlich, vor denen habe ich auch ein bisschen Angst.Obwohl wir immer wieder Probleme mit dem Werkzeug haben, sind wir am Abend des neunten Tages fast fertig mit dem Skatepark. Also ist es Zeit für eine kleine Belohnung. Paintballspielen und danach Grillen am Irtysch stehen auf dem Programm. Eigentlich hat keiner so richtig Lust auf Paintball, aber schließlich wurden wir eingeladen. Auf der Landstraße überholt unser einheimischer Fahrer auf der dritten Spur, ich sehe von hohen Mauern umgebene Villen, und nach einer Stunde sind wir da. Das Spielfeld ist ein Wald am Rande eines Platzes, der eine Mischung aus Bunkeranlage und Sportplatz ist. Im Inneren des Bunkers herrscht die Kälte, es ist feucht und Farbe blättert von den Wänden. Es ist gruselig hier unten, die Vorstellung hier für Wochen eingesperrt zu sein lässt mich erschaudern und ich gehe schnell wieder nach oben. Dort muss ich feststellen, dass wir beim Paintball nicht unter uns bleiben, sondern dass die Verwaltung des Deutsch-Russischen Jugendkomitees eine Mannschaft von Russen eingeladen hat, gegen uns zu spielen.

„Ich finde dieses so genannte Spiel pervers. Warum sollte man Krieg spielen?“

Die Herren sind im Durchschnitt alle einen Kopf größer als wir, haben nur T-Shirts und Tarnhosen an und fette Munitionspakete zum Nachfüllen am Gürtel. Natürlich waren die Jungs alle bei der Armee und stopfen sich gleich mal irgendwelche Grasbüschel an ihre Schutzmasken. Okay, wir sprinten als Erstes in den Wald. Ich stehe halb gebückt hinter zwei Bäumen, mir läuft der Schweiß, meine Maske beschlägt und ich sehe so gut wie nichts. Plötzlich höre ich aus dem Busch ein Zischen, „Scheiße, ich werde beschossen“, sofort ballere ich zurück und krieche durchs Gebüsch, als wenn es um mein Leben ginge. Nichts ist mir in dem Moment wichtiger, als den Gegner zu treffen. Es geht hier nicht um Spaß, es geht ums Gewinnen! Dann trifft mich eine Kugel direkt im Nacken, ich bin TOT. Beim Verlassen des Spielfelds denke ich: „Krass, wäre das hier kein Spiel, sondern bittere Wirklichkeit, dann wäre ich nun, nach nicht mal fünf Minuten, tot.“ Ich finde dieses so genannte Spiel pervers. Warum sollte man Krieg spielen? Wir können doch froh sein, dass zumindest in unserem Teil der Welt gerade Frieden herrscht. Ich weiß, dass Paintball eine richtiger Trendsport geworden ist, aber ich kann dem nichts abgewinnen. Nennt mich Weichei, aber da baue ich lieber mit bloßen Händen zehn Doubles, als mit einer Knarre in der Hand durch den Wald zu robben und Krieg zu spielen. Mark und Paddy sitzen auch schon ohne Tarnanzug und Maske am Ende des Spielfelds. Ich bin froh, anscheinend bin ich nicht der Einzige, der so denkt.>>>

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Wir schlendern ein bisschen über den Sportplatz, als wir an einem hölzernen Gebäude vorbeikommen. Ein kleiner, dunkelhäutiger Tatar kommt heraus und begrüßt uns mit einem Lächeln. Sofort spricht er uns an, zeigt uns seinen Ringfinger, und wir verstehen. Der Junge hat gerade geheiratet und er möchte unbedingt, dass wir reinkommen und mit ihm auf seine Braut anstoßen. Drinnen herrscht ein heilloses Durcheinander, überall sind Tataren (die Ureinwohner Sibiriens), die freudig feiern. Eine Traube bildet sich um uns, ständig wir uns Wodka nachgeschenkt, Babys werden rumgereicht, wir werden gedrückt, stoßen an und die Tataren zeigen ihre Tattoos. Sie sind begeistert von uns, es scheint fast so, als wären wir ein Glücksbringer für sie. Wegen ihrer sauber gearbeiteten Tattoos ist die Hochzeitsgesellschaft besonders von Mark und Paddy begeistert. Ständig bekommen sie erneut Wodka nachgeschenkt, und nach einer halben Stunde sehen die beiden nicht mehr so fit aus. Zum Glück für Mark und Paddy rettet uns unsere Dolmetscherin irgendwann. Wir verlassen das Haus, die gesamte Gesellschaft kommt auf die Veranda um uns zu verabschieden und wir steigen wieder in den Bus und fahren weiter zum Irtysch. Dieser Fluss entspringt im mongolischen Altai, bahnt sich seinen Weg quer durch Asien bis nach Tobolsk und ist dort, wo wir leicht gebeutelt von der rasanten Fahrt aussteigen, ganze 2000 Meter breit. Hier fühle ich mich zum ersten Mal in den letzten Tagen wohl, die Ruhe und die Größe, die der Irtysch ausstrahlt, sind gigantisch. Das Wasser ist angenehm kühl und man kann den Blick bis zum Horizont schweifen lassen. Nachdem wir ein paar Steine springen lassen, unsere Körper im kühlen Nass geaalt und ein paar Bierchen gezischt haben, verlassen wir, mit einer in der Dämmerung rot glühenden Sonne im Rücken, diesen in meinen Augen herrlichen Ort. Es ist Samstag, der Park ist fertig und heute soll es eine feierliche Eröffnung geben. Drei Tribünen wurden aufgebaut, am Rand stehen im Abstand von fünf Metern grimmig dreinschauende Polizisten und Soldaten, die darauf achten, dass niemand außer den Fahrern die Fläche betritt. Als Krönung des Ganzen und frei nach der Devise „Bigger is better“ wurde ein riesiger LED-Flachbildschirm aufgebaut, der während der gesamten Veranstaltung als Live-Screen fungiert.>>>

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Vor der offiziellen Übergabe des Skateparks werden aber erstmal verschiedene Auszeichnungen an besondere Menschen vergeben. Auch wir, das deutsch-russische Bauteam, werden geehrt. Wir bekommen schicke, von Hand unterzeichnete Urkunden überreicht, und die Menschen auf den Tribünen schein wirklich dankbar dafür zu sein, dass wir geholfen haben hier einen Skatepark zu bauen. Nach mehreren ermüdenden Ansprachen verschiedener Regionalpolitiker, die mich an so manchen Pionierappell aus meiner frühen Kindheit erinnern, wird der Park eröffnet, und es gibt auch einen mit zehn Startern relativ kleinen BMX-Contest.>>>

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Es ist Abend, die Eröffnung und der Contest sind vorbei. Wir sitzen mit den Locals am Platz, trinken Bier und unzählige Anekdoten, die wir in den letzten Tagen erlebt haben, werden ausgetauscht. Die Augen glänzen und alle sind ein bisschen stolz. Vor uns steht ein fertiger Skatepark, wo vor nicht mal zwölf Tagen nichts war. Es ist schon erstaunlich, was man mit viel Motivation und ein bisschen Know-how schaffen kann. Die Stimmung wird immer ausgelassener, und da es hier in Sibirien, auch im Sommer, nachts verdammt kalt wird, lädt uns ein Mädel zu sich nach Hause ein. Wir, die Locals und ein paar Soldaten, die mit uns feiern wollen, laufen quer durch Tobolsk, an unzähligen Plattenbauten vorbei. Nach einem viel zu langen Fußmarsch kommen wir in einer karg eingerichteten Plattenbauwohnung an, wo eigentlich alles fehlt bis auf den Flachbildfernseher. Wir sitzen auf dem Boden und beiern uns über alles, was uns gerade einfällt. Irgendwann bietet unsere Gastgeberin etwas ganz Feines an. Selbst gebrannten Wodka! Schon als ich an der Flasche rieche, habe ich Angst sofort zu erblinden, und nachdem ich unter strenger Aufsicht unserer Freunde einen Schluck genommen habe, kommt es mir vor, als würde sich gerade meine Netzhaut verkrümmen. Die ganze Nacht sitzen wir in dieser Wohnung, es wird viel gelacht und gefeiert und fühlt sich an, als wären wir hier irgendwo in Sibirien trotz aller Schwierigkeiten unter Freunden im Geiste und ein bisschen zuhause.>>>

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Die Sonne geht glühend auf, wir laufen ein letztes Mal durch die Platte, packen unsere Sachen, schütteln Hände und steigen zu unserem grinsenden Fahrer in den Bus. Wir gehen, aber Katja, Peter und die anderen, die gekommen sind um uns zu verabschieden, müssen bleiben. In Russland, Sibirien, hier ist Europa wirklich zu Ende. Ein unglaubliches Land, voller Gegensätze, voller Träume, voller Herzlichkeit …<<<<